Irgendwie komisch, fühlt sich aber gut an

Muss ich mir eigentlich Gedanken machen? Ihr könnt ganz ehrlich sein, ich vertrage (konstruktive) Kritik und offene Meinungsäußerungen! Schließlich checke ich ja selbst, dass das nicht ganz normal ist. Ich melde mich für den Men’s Health Urbanathlon in Hamburg an und bin eigentlich gar kein Läufer. Ich fahre Sonntagabends spontan in die Skihalle nach Wittenburg oder Bispingen und versuche, ca. 20 Jahre nach meinem ersten Snowboard-Tag, endlich einen 360er zu lernen. Ich kaufe mir für 55 Euro Konzert-Tickets, die eigentlich nur 20 kosten, nur um bei Kraftklub im Docks auf der Tanzfläche meine Klamotten komplett durchzuschwitzen. Ich klettere auf Klettersteigen oder von Hütte zu Hütte durch die Alpen, obwohl ich mindestens 800km von den ersten ernstzunehmenden Bergen entfernt wohne. Ich besorge mir extra einen kleinen Teppich (und ich hasse Teppiche), um in der Wohnung das von meinem Bruder selbstgebaute Balance-Board „fahren“ zu können. Und jetzt das: Ich melde mich beim Mantis Longboardshop an, um an einem Sonntagnachmittag gemeinsam mit anderen jungen Skatern von zwei 20-Jährigen (schätze ich jetzt mal) das Sliden mit dem Longboard zu lernen.

Slide-Workshop im Donnerspark mit den Mantis-Teamfahrern Finn und Martin (btw: good job guys)

Geht’s noch? Frag ich mich und Ihr Euch vielleicht auch. Der Typ ist 35, hat ’nen guten Job und macht nebenbei noch ein MBA-Studium. Der sollte am Wochenende mit Frau und Kind (mindestens einem und maximal einer) durch Ottensen spazieren und Cappuccino mit lakosefreier Milch + kleinem Schuss Hazelnut-Sirup „to go“ trinken. Oder auf dem Balkon sitzen und in der neuen Finanztest-Ausgabe den aktuellen Bausparkassenvergleich studieren – für das Eigenheim draußen in Elmshorn. Na oder wenigsten um die Alster joggen, eine Radtour ins Alte Land machen oder zu einem Rückfit-Kurs ins Meridian Spa gehen – aber nicht so einen jugendlichen Schwachsinn machen. Der macht sich doch lächerlich.

Selfmade Balance-Board für den spontanen Ausstieg aus dem Alltag

Kann schon sein, dass Ihr Recht habt. Irgendwie komisch war es ja heute zugegebenermaßen schon, mit den teilweise unter 20-Jährigen auf dem Longboard im Donnerspark zu sitzen (ein paar Ältere waren auch dabei, keine Sorge). Handfläche, Faust, Check – was geht? Die Jungs rippen den steilen Asphaltweg runter Richtung Elbe als gäbe es kein morgen. Die Tricks, die sie üben, haben unaussprechliche englische Bezeichnungen, von denen alle zu wissen scheinen, was sie bedeuten, außer mir. Pausen gibt es nur, wenn Männer in meinem Alter mit Reef Flip-Flops, Wohlstandsbäuchlein und Karo-Hemd über der kurzen Chino irrsinnig teure Kinderwägen den steilen Berg hinauf schieben und Mütter in weiten – weil Körperform kaschierenden – Klamotten mit ihrem Ökoeis im Pappbecher hinterher tippeln.

Und da passiert es. Achtung! Es dauert nur wenige Sekunden, aber es ist die Antwort auf meine Eingangs gestellte Frage, ob ich mir eigentlich Gedanken machen muss, und diese Antwort fühlt sich wirklich gut an: Es ist dieser kurze Moment in den Gesichtern dieser merklich nach Luft schnappenden Mid-Dreißiger, bevor sie sich wieder auf ihren Weg nach oben konzentrieren. Dieser Moment der Eifersucht in ihren Augen, der Eifersucht auf diese jungen Typen mit ihren coolen Longboards, die einfach ihrer Leidenschaft folgen. Dieser Moment der Unzufriedenheit mit dem eigenen, eingefahrenen Leben. Dieser Moment der Sehnsucht, aus diesem Leben nur für einen Augenblick auszubrechen und den Konventionen unserer Gesellschaft einfach mal in den Allerwertesten zu treten.

Dieser Moment, denn ich schon so oft beobachtet habe, ist es, der mich immer wieder bestätigt, wenn ich an dem zweifle, was ich da gerade wieder „Unnormales“ mache. Dabei bin ich wahrlich kein Revoluzer, kein Draufgänger, kein Weltverbesserer – ich lebe einfach ein Leben zwischen den Welten, zwischen konservativ und ausgeflippt, zwischen jung und alt, zwischen Generation X und Generation Y, zwischen karriereorientiert und Work-Life-Balance, zwischen Vernunft und Emotionen. Eben mein Leben. Und deshalb werde ich demnächst wieder im Donnerspark stehen und Longboard-Slides üben. Ich werde alleine eine Woche auf dem John Muir Trail durch die Sierra Nevada hiken und nur mit dem Nötigsten zurecht kommen. Ich werde auf Blumentopf, Dendemann und Kraftklub Konzerte gehen, auch wenn die vielleicht mittlerweile total out sind. Und ich werde beim ersten Schnee mit meinem Snowboard in die Alpen fliegen und irgendwann 360er können. Und falls da jemand von Euch was dagegen hat, dann ist das natürlich auch kein Problem. Wer das aber gut findet, der schreibt einen Kommentar unter diesen Artikel, teilt ihn mit seinen Freunden oder meldet sich bei mir mit einer verrückten Idee, die wir mal bei Gelegenheit gemeinsam machen sollten. Peace out…

21 Antworten zu “Irgendwie komisch, fühlt sich aber gut an

  1. Ich bin mir sicher, du musst dir keine Gedanken machen. Wenn es sich gut anfühlt, ist es das Richtige! Und keine Angst: Das geht auch mit Frau und Kindern. Das entscheidende ist, dass man sich Zeit nimmt und seine Interessen pflegt. Und das ist unabhängig vom Alter und der Lebenssituation. Man muss es nur machen.

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    • Gut, dass Du das schreibst, denn mir ist aufgefallen, dass man den Beitrag auch falsch verstehen kann, speziell durch das Beispiel mit den Kinderwagen schiebenden Männern und Ökoeis essenden Frauen 😉 Ich wollte natürlich nicht sagen, dass das eigene Leben zu Ende ist, wenn man eine Familie gründet (auch wenn das bei Einzelnen Personen in meinem Bekanntenkreis manchmal den Anschein macht). Ganz im Gegenteil. Es ging mir lediglich darum, möglichst bildhaft wiederzugeben, was schon die alten Griechen mit „carpe diem“ meinten – also nichts wirklich Neues. Und trotzdem etwas, was auch ich mir immer wieder aufs Neue klar und bewusst machen muss. Insofern mache ich mir tatsächlich keine Sorgen – egal ob mit Frau und Kind oder nicht.

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  2. Ole hat den coolsten Patenonkel der Welt ! Ich fände es toll wenn er irgendwann mal etwas von deiner Art zu leben und das Leben zu genießen abbekommt. LG aus München.

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    • Danke Schnitzelchen… 🙂 Der Ole findet schon seinen Weg – und egal welchen er einschlägt: Es wird für ihn der richtige sein, wenn er sich selbst treu bleibt und authentisch ist. Wenn er das von mir lernt, dann bin ich happy! LG von der Elbe an die Isar

      PS: Na gut, der erst männliche Synchronschwimmer bei den Olympischen Spielen wäre jetzt nicht zwingend meine Idealvorstellung, das gebe ich zu 😉

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  3. Nein, du musst dir keine Gedanken machen. Denn in Wahrheit interessiert es niemanden, ob dein Alter oder dein Beruf und das wozu du dich spontan entschlossen hast, zueinander passen 🙂
    Normal. Nicht normal. Wer gibt die Definition vor? Wer beurteilt, was das eine enthält und das andere nicht? Letztendlich nur du.

    Und wenn dich dein Bauchgefühl zu einem Slidingworkshop führt und du im Nachhinein mit einem Grinsen im Gesicht zu Hause sitzt und den Tag Revue passieren lässt, würde ich behaupten, die Antwort auf deine Frage kennst du bereits.

    In diesem Sinne – keep on rollin‘ (oder was auch immer dir sonst noch vorschwebt)

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    • Jaaaaaaa… Und voller Enthusiasmus hätte fast gesagt „Dann sche***en wir in die Disko“… Machen wir aber nicht – also ich zumindest nicht 😉 Wir sehen uns spätestens am 5. Oktober mein Freund!

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  4. Sehr schön geschrieben. Da bekommt unser Ich-treibe-mein-Brett-quer-den-Hang-runter was richtig philosphisches. 😉

    Und um das Fragezeichen unter dem Bild verschwinden zu lassen: Finn und Martin sind beide Mantis-Teamfahrer.

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    • Ja… Ich sehe mich auch irgendwo zwischen Kant und Hegel 😉 Kleiner Spaß, musste gestern Abend nur mal so runtergeschrieben werden. Fragezeichen ist jetzt weg. Danke für den Hinweis.

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  5. Toll geschrieben, reißt einen doch glatt mit 🙂 Ich finde es beeindruckend, dass du das alles zeitlich schaffst. Ich finde man kann sowas machen egal wie alt man ist. Solange man sich nicht in dieses Prinzip verrennt und nur macht, was einem auch wirklich noch Spaß macht, ist doch alles gut!
    Ich für meinen Teil würde mit Frau und Kind aber wahrscheinlich auf die Dinge verzichten, die gesundheitlich stärker gefährlich sind, wie z.B. Longboard, weil ich ihnen das nicht antuen wollen würde, und weil mir Erlebnisse mit ihnen wichtiger wären.

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  6. Ich freue mich immer, wenn ich Menschen höre, die so denken wie Du.
    Ein schöner Beitrag, einer, der mir echt Freude macht zu lesen.
    Ich war erst vor kurzem in der Sierra Nevada – leider nicht zum wandern. Es war so toll. Und genau wie Du, geniesse ich kleine kurze Ausbrüche aus dem Alltag – raus in die Natur, raus in ein etwas rahmenloseres Leben.
    Wünsche Dir ganz viel Spaß da und jede Menge Abenteuer und ich bin sicher zuhaus wird man dann glücklich sein, wenn Du all diese positiven und sichterweiternden Eindrücke mit heim bringst und teilst!
    Gute Reise!

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