#occupygezi Türkischer Frühling in Istanbul

Also ich finde das ganz normal. Irgendwie selbstverständlich. Oder sogar absolut notwendig. Die ersten Blicke der meisten meiner Mitreisenden drückten jedoch eher Verständnislosigkeit und Sorge aus. „Du willst auf den Taksim-Platz? Du willst auch noch nachts da hin? Alleine?“ Ja, klar. Da meint es der Zufall gut mit einem, dass man zu einer Zeit in „Cool Istanbul“ ist, die vielleicht vieles verändern wird für das Land, das sich auf dem Sprung nach Europa befindet. Dann muss man sich doch ein eigenes Bild machen. Den Spirit aufsaugen. Sich dem Thema widmen. Aber vielleicht muss man selbst von einer friedlichen Revolution betroffen gewesen sein, um so ein Selbstverständnis zu entwickeln: 1989 – die Montagsdemonstrationen, die Bilder der besetzten Botschaften, die Ungewissheit, was der nächste Tag bringen wird: ein weiterer Schritt in Richtung Freiheit oder Gewalt und Repression.

Und deshalb ist der Türkische Frühling auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park für mich deutlich relevanter als nur den türkischen Frühling im Café mit Blick auf den Bosporus, in einer der zahlreichen Moscheen oder im Hamam zu verbringen. Und weil das so ist, gibt es hier auf St. Bergweh jetzt keine Bilder von Sehenswürdigkeiten zu sehen, sondern Fotos von #occupygezi, die ich in den letzten drei Tagen und Nächten in Beyoğlu gemacht habe. Und übrigens: Der Großteil meiner Mitreisenden hat sich dann auch auf den Taksim-Platz getraut – und sie haben feiernde und zuversichtliche, aber auch kampfbereite Menschen gesehen und einen türkischen Frühling erlebt, wie man ihn definitiv nicht im Reisebüro buchen kann.

PS: St. Bergweh ist politisch freidenkend. Bis auf wenige Ausnahmen ist hier alles erlaubt. Ich möchte mit dem Artikel keine Position beziehen (dazu ist er auch zu oberflächlich). Eine Tendenz lässt sich jedoch zugegebenermaßen leicht erkennen. Worum ich Euch aber bitten möchte: Verliert nicht das Interesse an dem Thema, selbst wenn irgendwann die Medien die Lust verlieren – es gibt genug Online-Portale oder Plattformen, wo Ihr Euch informieren könnt. Ansonsten hat der Türkische Frühling ebenso wenig Chancen wie bisher der deutsche Sommer.

Musikalischer Protest: Das schönste Bild, das eine friedliche Revolution (aus)zeichnen kann
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Guy-Fawkes-Masken: Ob als Schutz vor den Spähern Erdogans oder einfach nur des Kults wegen – keine Ahnung
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Gekommen um zu bleiben: Der Taksim-Platz und insbesondere der Gezi-Park sind zum Camping-Platz mutiert
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Es geht nicht mehr alleine um den Gezi-Park: Demonstriert wird jetzt gegen nahezu alles, wofür Erdogans Regierung steht
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Blockaden an allen Zufahrtsstraßen: Es wird schnell klar, dass es hier vor einigen Tagen weniger friedlich zuging
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Twitter 1.0: Keine Häuserwand, die nicht mit Parolen beschrieben oder mit Infoplakaten beklebt ist
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Pinterest 1.0: Das Atatürk-Kulturhaus sollte ebenfalls abgerissen werden – keine gute Idee meinen die Protestanten
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Stolze Türken: Die Menschen kämpfen für die Zukunft ihres Landes
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Ich bin nicht der Einzige: Viele Touristen und Einheimische trauen sich mittlerweile auf den Taksim-Platz und halten die Stimmung mit Kamera oder Smartphone fest
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Kreative Anspielung auf die massiven Tränengaseinsätze der Polizei. „If God Gives You Tear Gas, Make Lemonade!“
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Gut organisiert: Neben einer Bühne gibt es mittlerweile auch sanitäre Einrichtungen, Essen- und Getränkeversorgung und freiwillige Aufräumtrupps
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Wütend: Das überharte Einschreiten der Polizeikräfte und die (mangelnde) Berichterstattung in den Staatsmedien kommen nicht so gut an
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Symbolträchtig: Aktuell empfiehlt sich die türkische Regierung nicht gerade als Mitglied eines demokratischen Europas
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Sprechchöre: Immer wieder erklingen Gesänge, die den Rücktritt Erdogans fordern oder den Nationalstolz der Türken ausdrücken
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Trophäe des Widerstands: Kinder machen aus einem umgestürzten Polizeiwagen einen Abenteuerspielplatz
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24/7: Immer mehr Menschen verbringen auch die Nächte auf dem Taksim-Platz – aus Sorge vor erneuten Räumungsaktionen der Polizei
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„TAYYIP ISTIFA“: Tayyip (Erdogan) tritt zurück!
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Ohne Tee geht nix: Das Trinken des türkischen Nationalgetränks wird auch während der Besetzung des Gezi-Parks zelebriert
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Viva la Revolution: Die geballte Faust als Zeichen der Kampfbereitschaft
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Aktualisierung 10.6.2013, 11.30 Uhr: Zum letzten Bild: Die Fäuste haben natürlich nichts mit den aktuellen Protesten zu tun. Insbesondere die Berliner sollten die gelben Fäuste kennen, denn sie stammen von dem Streetartkünstler Kripoe (CBS Crew) und sind an zahlreichen Berliner Hauswänden zu sehen. Nur damit es hier keine Missverständnisse gibt.