Test: Leichtzelt MSR Carbon Reflex 2

Eins vorweg: Ein Zeltkauf ist IMMER ein Kompromiss. Die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau ist wie so oft zwecklos. Spart Euch die Zeit. Überlegt Euch lieber was Ihr genau mit dem Zelt vorhabt, wie Ihr es realistisch einsetzen werdet und wie relevant ein perfektes Funktionieren ist. Ein Beispiel: Wer nie im Winter zeltet (und das dürfte auf die meisten zutreffen), der benötigt kein Zelt, das Schneestürmen standhält. Und anders herum: Wer mit seinem Zelt zum Trekking auf einem Fernwanderweg aufbricht, der braucht einfach eine extrem leichte Lösung, da jedes zusätzliche Kilo auf dem Rücken eine Qual ist oder einen gar zum Aufgeben zwingen kann. Deshalb mein Ratschlag: Wenn Eure Campinggewohnheiten so unterschiedlich sind, investiert lieber in zwei oder drei Speziallösungen und pflegt diese einfach gut, statt nach einem Modell für alle Zwecke zu suchen.

Komm hol' das Lasso raus: Für diese Momente begibt man sich in Amerikas Wildnis auf Tour

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Hintergrund
Im Spätsommer 2012 habe ich mir für eine achttägige Solo-Wanderung auf dem südlichen Teil des John Muir Trails in Kalifornien ein neues Zelt geleistet. Einen kleinen Eindruck davon bekommt Ihr in meinem 5-minütigen Video des eindrucksvollen Trips (inkl. Zeltaufbau-Zeitraffer-Sequenz):

Die Kriterien waren: sehr leicht und kompakt, qualitativ hochwertig, ausschließliche Sommeranwendung, im Notfall Platz für zwei Personen + Gepäck. Meine Wahl fiel auf das MSR Carbon Reflex 2, das mir von den Bergfreunden zu einem vergünstigten Preis zur Verfügung gestellt wurde. Die Bedingungen während des Einsatzes: Gebirgsregion der Sierra Nevada, kein Regen, wenig Wind, nachts Temperaturen zwischen zwei bis zehn Grad Celsius, täglicher Auf- und Abbau, Nutzung alleine, Transport gemeinsam mit einer Therm-a-Rest TT Trail Pro Isomatte in einem Ortlieb 22l Kompressionssack (Gestänge separat im Rucksack – die komplette Packliste gibt es hier auf Pinterest, falls das jemanden interessiert). Einen Test des Vorgängermodells (nur ein Eingang) findet Ihr zum Beispiel auf outdoorseiten.net und ein Video zum Aufbau hier:

Technische Details

  • Außenzelt: 20D Ripstop-Nylon (100% Polyamid) mit Durashield Polyurethan-/Silikonbeschichtung und 1.000mm Wassersäule
  • Innenzelt: 20D Nylon Micro Mesh bzw. 20D Ripstop Nylon (100% Polyamid)
  • Boden: 40D Ripstop Nylon (100% Polyamid) mit Durashield Polurethan-Beschichtung und 3.000mm Wassersäule
  • Gestänge: Easton Carbon 6.3
  • Zeltmaß (innen): 213x112x102cm
  • Zeltmaß (außen): 213x280x102cm
  • Packmaß: 51x15cm
  • Gewicht: 1.360g (min); 1.620g (max)
  • Preis (UVP): 499,- EUR
John Muir Wilderness: Erste Nacht alleine im MSR Carbon Reflex 2 in Kaliforniens Sierra Nevada

John Muir Wilderness: Erste Nacht alleine im MSR Carbon Reflex 2 in Kaliforniens Sierra Nevada

Erfahrungen
Grundsätzlich bin ich bisher nicht unzufrieden mit dem Kauf des MSR Carbon Reflex 2. Natürlich kann ich es zum einen nicht mit anderen gleichwertigen Zelten vergleichen, weil es mein erstes Zelt dieser Art ist. Und ich war auch keinen Extremsituationen ausgesetzt, die das Zelt an seine qualitativen Grenzen geführt hätten. Mit ein paar subjektiven PROs und CONTRAs werde ich aber versuchen, ein genaueres Bild von dem Leichtzelt zu zeichnen:

PRO:

  1. Die Kombination aus Gewicht, Raumangebot und Qualität ist hervorragend.
  2. Das MSR Carbon Reflex 2 lässt sich sehr flexibel einsetzen: In warmen Sommernächten reicht das Innenzelt. Wer zusätzliches Gewicht sparen will und keine Probleme mit nervigen Insekten hat, kann das Außenzelt zusammen mit einer separat erhältlichen Zeltunterlage als Tarp verwenden und das Innenzelt zu Hause lassen. Und es lässt sich sowohl alleine als auch zu zweit nutzen. Ist man alleine unterwegs, finden Rucksack und Equipment problemlos im Innenzelt Platz. Es passen aber auch genau zwei Isomatten ins Innenzelt, dann wandern Rucksack und Co unter die beiden Aspiden.
  3. Apropos Apsiden: Das neue Modell hat zwei Eingänge (vorher nur einer), was insbesondere bei der Nutzung zu zweit Sinn machen dürfte.
  4. Die Belüftung funktioniert hervorragend. Das Innenzelt besteht nahezu vollständig aus Netz und erlaubt schon alleine dadurch eine gute Luftzirkulation. Das Außenzelt lässt ausreichend Platz zum Boden und im Notfall können eben wie bereits beschrieben beide Apsiden/Eingänge geöffnet werden. Ich hatte nur in einer von sieben Nächten eine ganz leichte Tröpfchenbildung an der Innenseite des Außenzelts, sonst jeden Morgen komplett trocken. Das mag aber auch an der sehr trockenen Region liegen, in der ich unterwegs war.
  5. Der Aufbau funktioniert schnell und unkompliziert (siehe Videos oben). Hat man den richtigen Platz gefunden, steht das Zelt in fünf Minuten.

CONTRA:

  1. Es werden weder Abspannschnüre noch zusätzliche Haken zum Abspannen mitgeliefert. Das war zwar während meiner Tour jetzt auch nicht nötig, hatte ich aber gar nicht auf dem Schirm. Vor dem nächsten Trip werde ich mir das aber noch besorgen.
  2. Gestänge und Haken werden wie üblich in gesonderten Packsäckchen geliefert. Der Verschluss dieser Säckchen (ebenso wie der des Zeltpacksacks ist zwar „kreativ“ aber gerade mit kalten Fingern nur sehr fummelig und nervig zu öffnen/schließen.
  3. Die Reisverschlüsse des Innenzelts lassen sich leider nicht komplett mit einer Hand öffnen, da die Spannung des Innenzelts dazu nicht auszureichen scheint. Das ist nicht weiter schlimm, weil es die Funktion nicht einschränkt, aber eben doch manchmal nervig, da man ja oft was in der Hand hat, was man mit rein- oder rausnehmen will.
  4. Die Konstruktion der Gestänge scheint einen Fehler zu haben. Jedenfalls empfiehlt der Bergfreunde-Kundenservice, die Querstange nicht über die Längsstange zu biegen, wie das in der Gebrauchsanweisung von MSR angegeben ist, da es wohl durch die starke Biegung in einigen Fällen zum Bruch der Querstange kam. Das will man natürlich auf einer längeren Tour unbedingt vermeiden (obwohl eine extra Reparaturhülse für solche Notfälle mitgeliefert wird). Stattdessen soll man die Querstange unterhalb der Längsstange verlegen. Daran habe ich mich gehalten. Nur in der letzten Nacht, als ich bereits auf einem Nationalpark-Campground und damit auf dem ersten Vorposten der Zivilisation angekommen war, habe ich die andere Variante mal ausprobiert. Und ehrlich gesagt, hat das Zelt so an ein paar Zentimeter Raumhöhe und gefühlt auch an Stabilität des Überzelts gewonnen (das dürfte Windgeräusche minimieren, die mir aber bei meinem Einsatz sowieso nie aufgefallen sind). Insofern bin ich mit der Kompromisslösung, die Querstange unter der Längsstange zu verlegen, nicht wirklich zufrieden. Als Lösung habe ich mir überlegt, eine kleine Schlaufe zu basteln, durch die ich beide Gestänge fädeln kann. So wäre die Biegung nicht ganz so extrem wie bei der Verlegung der Querstange über der Längsstange, die Querstrebe würde aber trotzdem weiter nach oben wandern und damit eben für einen Innenhöhe- bzw. Stabilitätsgewinn sorgen.
Schnell aufgebaut: Bis das Zelt so steht vergehen mit etwas Übung weniger als 5min

Schnell aufgebaut: Bis das Zelt so steht vergehen mit etwas Übung weniger als 5min

Unglaublich praktisch: Kleine Apsiden und große Eingänge auf beiden Seiten

Unglaublich praktisch: Kleine Apsiden und große Eingänge auf beiden Seiten

Fazit: Den genannten Vor- und Nachteilen des MSR Carbon Reflex 2 kann man glaube ich entnehmen, dass ich den Kauf nicht bereut habe. Das Einzige, was mich meine Entscheidung für das MSR Carbon Reflex 2 im Nachhinein etwas „bereuen“ lässt, ist, dass eine freistehende Konstruktion wie z.B. beim etwas schwereren Schwestermodell MSR Hubba Hubba doch einige Vorteile bietet. Gerade im Gebirge ist die Fixierung mit Haken nicht immer möglich und dann ist eine freistehende Zeltkonstruktion Gold wert.

PS: Einen im Übrigen sehr schönen Testbericht vom sehr ähnlichen 1-Personen-Zelt MSR Hubba HP mit einem grandiosen Timelapse-Video vom GR20 auf Korsika hat Fabian von hugsforhikers.com geschrieben.

Room with a view: Auf Steinplatten muss man kreativ sein, denn das MSR Carbon Reflex 2 ist nicht freistehend

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Reinster Luxus: Alleine unterwegs mit dem MSR Carbon Reflex 2 - Zu Zweit wird es dagegen kuschelig, was ja auch schön sein kann

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6 Antworten zu “Test: Leichtzelt MSR Carbon Reflex 2

  1. sehr schönes filmchen !
    was ist das für ein herrlich passendes musikstück , by the way ?
    die problematik das richtige zelt zu finden kenne ich ebenfalls .
    die hersteller unterbieten sich geradezu mit super ultra leicht
    varianten für grammjäger. das geht alles nur noch durch dünnere stoffe,
    weniger gestänge oder noch eingeschränkteres platzangebot,
    im prinzil hat sich in den letzten 25 jahren nichts wesentliches
    mehr verbessert im zeltdesign.
    im ersten moment mag es ja eine tolle vorstellung sein ein zelt im
    rucksack zu tragen das nur etwas über 1 kilo auf die wage bringt,
    aber im jahrelangen einsatz unter den verschiedensten ,oft nicht
    vorhersehbaren bedingungen und klimatischen situationen habe ich
    persönlich kein gutes gefühl mit so einem ultaleicht teil.
    da gibt es mir zu wenig reserven in der wiederstandsfähigkeit des
    gesamten materials. bei schönem ,warmen ,stabilen wetter ist es ja
    auch fast egal in was für einem zelt man liegt.
    bei schlechtem, heftigem wetter zeigt sich die qualität eines zeltes.
    ich trage lieber 500gr. mehr zelt und habe ein gutes gefühl für den fall
    das mich schlechtes wetter überrascht.
    und wer kann das schon im voraus ausschliessen ?
    aber es muss ja jeder selber entscheiden was er riskiert.
    alseits viel spaß in der natur.

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    • Hallo Stephan,

      das btw Musikstück ist von Alexander und heißt Truth.

      Ja, die Zeltentscheidung ist sehr individuell. Und wenn ich in einer heiklen Jahreszeit (z.B. Sturmzeit) in einer heiklen Region (z.B. alpines Gelände) ohne schnelle Rückkehrmöglichkeiten in die Zivilisation hätte, dann würde ich mich auch für mehr Gramm auf dem Rücken und damit mehr Sicherheit entscheiden. Dennoch glaube ich, dass Ultraleichtzelte ihre Berechtigung haben. Und es muss klar sein, dass die besondere Pflege bzw. sorgsameren Umgang abverlangen. Danke für Deine Meinung und ebenfalls viel Spaß draußen…

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    • Hey KD,

      danke für die Hinweise. Der Trick mit den Wanderstöcken ist genial. Danke. Probiere ich mal aus. Und zu dem Review auf outdoorgearlab.com: Das geringe Gewicht zollt tatsächlich seinen Tribut. Und man sollte die Hinweise beachten und einfach keine hochalpinen Touren in ungeschütztem Gelände mit dem Zelt planen. Für mich taugt es bisher aber und ich werde einfach sehr bedacht entscheiden, auf welche Tour ich das MSR Carbon Reflex mitnehme und wo ich campe. Kann es ja eh nicht mehr ändern. Habe es mir ja schon gekauft.

      Beste Grüße aus Hamburg
      Björn

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