Letzter Brief an einen Freund

Während ich dir diesen Brief schreibe, erscheint alles um mich herum so wie immer und doch ist plötzlich alles so anders. Ein lauer Wind bewegt mühevoll die Blätter der umstehenden Bäume. Er ist warm und verschafft deshalb kaum Abkühlung. Ein typischer Sommertag in einem Potsdamer Park. Ich sitze im Neuen Garten. Direkt am Heiligen See. Klingt herrlich. Ist es aber nicht. Schließlich liegt es noch gar nicht so lange zurück, da sind wir hier noch gemeinsam entlang spaziert. Haben uns gegenseitig kleine Streiche gespielt, uns über alte Geschichten aus der gemeinsamen Studienzeit amüsiert und über ernste Themen philosophiert. Jetzt sitze ich wieder in diesem Park. Dieses Mal alleine. Und ich schaue auf den See, der so friedlich vor mir liegt. Er wird immer mit dir verbunden sein. Wie so viele Dinge.

Elbblick statt Seeblick: Selbst Schweigen neben dir war ein unterhaltsames und gutes Gefühl

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Die ersten drei gemeinsamen Situationen unserer Freundschaft, an die ich mich erinnere, liegen mehr als 15 Jahre zurück und haben im weitesten Sinne mit körperlichen Qualen zu tun – zumindest für mich. Es ist der gemeinsame Rückenschwimmkurs im Jenaer Volksbad am Anfang unseres Sportstudiums zu einer für Studenten unchristlichen Uhrzeit, den ich mit Ach und Krach bestanden habe, du dagegen mit Leichtigkeit und Bravur. Es ist die erste Geburtstagsparty in deinem Elternhaus, die für mich nach fiesen Trinkspielen (mit für mich glücklosem Ausgang) deutlich vor Mitternacht jammernd über der Etagentoilette endete. Es ist die von dir ausgeliehene Bodycount-CD, die ich mit einem unbeabsichtigten Fehltritt in zwei Teile zerbrach und dann zwei Mal neu kaufen musste – einmal für dich und einmal für mich.

Auch wenn das nicht unbedingt nach einem idealen Auftakt für eine Freundschaft klingt – für mich hätte er besser nicht sein können. Und alles was danach folgte, führte unweigerlich dazu, dass man sich in späteren Treffen immer wieder gerne laut lachend daran erinnerte. Zum Beispiel die gemeinsamen Tanzeinlagen mit den anderen Jungs im Med-Club oder die herrlich peinlichen Programmbeiträge bei unseren Spowi-Partys. Oder die vielen verschiedenen WG-Feste – bei euch am Anger oder bei uns im Melrose Place. Besonders spektakulär: Dein Einsatz bei meiner Biomechanik Hauptseminar-Arbeitsprobe zum Thema „Impuls und Impulserhaltungssatz im Fußball“, bei dem deutlich wurde, dass deine Beziehung zu Bällen wohl nie eine sehr innige werden sollte. Oder anders gesagt: Bälle mochten dich einfach nicht. Das sollten aber die Einzigen sein, denn einen Menschen wie dich musste man einfach gern haben. Zu guter Letzt denke ich an unser gemeinsames Mountainbike-Camp auf einer urigen Berghütte im Allgäu zurück. Hier hast du den wichtigsten Menschen in deinem Leben kennengelernt. Und während ich das schreibe, schnürt es mir den Hals zu und drückt es mir die Tränen in die Augen, weil ich weiß, wie sehr dich dieser Mensch vermissen muss, wenn es mir und den vielen gemeinsamen Freunden, mit denen ich die letzten Tage telefonieren musste, schon so beschissen geht.

Jeden verdammten Morgen – im Moment des Aufwachens – die Frage, ob das jetzt nicht alles nur ein unglaublich fieser Traum ist. Und jeden verdammten Morgen die gleiche schmerzhafte Antwort, die einem das Schicksal direkt und mit voller Wucht ins Gesicht schleudert: nein, nein und nochmals nein. Und als würde das nicht reichen, wiederholt sich dieser Moment gefühlt hundertfach am Tag. Weil ich es einfach nicht glauben kann, nicht glauben will, dass es dich seit dem Morgen des 14. Juli 2015 nur noch in unseren Erinnerungen geben wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, sind mir im Moment noch nicht einmal diese Erinnerungen gegönnt. Denn immer, wenn du mit deinem Gesicht und einem gemeinsamen Erlebnis vor meinem inneren Auge auftauchst, steigt die Traurigkeit und Wut über das Geschehene mit einer Heftigkeit in meinem Körper auf, dass ich sie aus Selbstschutz immer wieder schnell wegschieben muss. Du bist mit 38 Jahren einfach zu jung gewesen für einen endgültigen Abschied. Du bist mit deiner Art einfach ein zu guter Mensch gewesen für einen endgültigen Abschied. Du bist mit deiner Lebensfreude einfach noch nicht an der Reihe gewesen für einen endgültigen Abschied. Es macht keinen Sinn. Es ist nicht gerecht. Und es ist auch nicht richtig.

Als wir uns kennenlernten, waren es die Schwimmhalle und der Alkohol, die mich quälten. Jetzt, wo du nicht mehr da bist, sind es die Gewissheit und die Endgültigkeit. Ich weiß, dass ich nicht der Einzige in deinem Umfeld bin, dem es so geht. Ich weiß, dass alle fassungslos und tief traurig sind. Ich weiß aber auch, dass es eine Person gibt, die an besagtem Dienstagmorgen mehr verloren hat, als einen lieben Menschen. Sie hat mehr verloren als den perfekten Ehemann und einen einzigartigen Freund. Sie hat eine gemeinsame Zukunft verloren, die wunderbar aussah. Was sie aber nicht verloren hat, sind die gemeinsamen Momente mit dir, die gemeinsamen Erlebnisse – die schönen und die schmerzhaften. Sie hatte das Glück, diese gemeinsame Zeit mit dir zu haben. Ich hoffe, sie wird irgendwann den Moment erleben, in der ihr dieses Privileg und Glück bewusst wird. Und ich hoffe, dass sie ab diesem Moment die Kraft und den Willen aufbringen kann, um sich mit Zuversicht der Zukunft zuzuwenden. Keiner gemeinsamen Zukunft mit dir, sondern ihrer eigenen. In diesem Moment kommt ihr dann hoffentlich dieser Brief in den Sinn und sie meldet sich bei mir. Dann spazieren wir gemeinsam um den Heiligen See in Potsdam, erinnern uns an dich und finden dabei hoffentlich ein Lächeln auf unseren Gesichtern, so wie es auf deinem so oft zu finden war – egal, ob gerade ein warmer Sommerwind weht oder nicht.

Großes Indianerehrenwort: Irgendwann stoßen wir wieder zu dritt an – egal wo & egal mit was. Cheers und bis dahin, mein Freund

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6 Antworten zu “Letzter Brief an einen Freund

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