The Mountains are calling…

…and I must go. So soll es der abenteuerlustige Schriftsteller John Muir im Jahr 1873 mal in einem Brief an seine Schwester Sarah Muir Galloway geschrieben haben. Sagt zumindest Wikiquote. Einige St. Bergweh Bewohner kennen dieses Gefühl vielleicht. Dieser Moment, in dem plötzlich Erinnerungen an einzigartige Erlebnisse in der Natur wieder aufploppen. Dieser Moment, in dem einem die drückende Luft und die engen Häuserschluchten der Stadt den Atem zu nehmen scheinen. Dieser Moment, in dem man merkt, dass man endlich mal wieder den eigenen Körper spüren und Grenzen austesten muss. Life begins nunmal at the end of your comfort zone. So einfach ist das und so kompliziert zugleich.

Man kommt um Berge einfach nicht herum. Nicht einmal in Street-Art-Ausstellungen zum Thema "Katzen gehen immer" in der Hamburger Affenfaust Gallerie (Künstler: Elmar Lause)

Man kommt um Berge ebensowenig herum, wie um Katzen-Content. Nicht einmal in Street-Art-Ausstellungen (Sammelausstellung „Katzen gehen immer“ in der Hamburger Gallerie Affenfaust (Künstler: Elmar Lause))

Denn in Hamburg fällt es leider nicht ganz so leicht, diesem oft sehr intensiven Gefühl umgehend nachzukommen. Aber wer sagt hier, dass das unmöglich ist? Einfach rein in den Nachtzug und ab nach München. Von dort aus weiter mit dem Allgäu-Express nach Oberstdorf und dann rein in den Bus nach Birgsau. Und schon steht man eine Nacht und einen Vormittag später am Start einer schönen Zweitagestour durch die Allgäuer Hochalpen inklusive der herrlichen Gratwanderung auf dem traditionellen Heilbronner Weg. Das Ganze ist natürlich St. Bergweh approved – sonst würde ich Euch das gar nicht empfehlen. Und es ist tatsächlich nahezu perfekt, um einfach mal ein Wochenende aus dem Großstadtalltag auszubrechen, ohne dass man dafür Urlaub nehmen muss. Denn im Normalfall ist man Sonntagnacht oder spätestens Montagmorgen wieder zurück in Hamburg. Als kleine Inspiration: So könnte dieser Ausbruch aus dem Hamburger Hipster-Leben im Detail und im St. Bergweh Style aussehen:

Freitag, 21.26 Uhr: Nachtzug CNL von Hamburg Hbf. nach München Hbf. (Ankunft: 07.58 Uhr)
Samstag, 09.19 Uhr: Allgäu-Express ALX von München Hbf nach Oberstdorf Bhf. (Ankunft: 11.40 Uhr)
Samstag, 12.05 Uhr: Bus von Oberstdorf Hbf nach Birgsau (Ankunft: 12.30 Uhr)

Spätestens hier am Einstieg zur Tour ist der Zeitpunkt gekommen, um von Vorfreude auf Genuss in vollen Zügen umzuschalten. Jetzt heisst es Schuhe schnüren und Rucksack satteln – wer es noch nicht gemerkt hat: Es geht los. Zuvor hat man unnötiges Reiseequipment und Wechselsachen in einem Schließfach am Bahnhof in Oberstdorf verstaut und die Getränkevorräte aufgefüllt. Die ersten 20 Minuten sind ein leicht ansteigender Weg im Tal bis zum Gasthof Einödsbach (1.120m), dessen Biergarten man quert, bevor es langsam richtig aufwärts geht. 30 Minuten später ist man an der Peters-Alp. Meine Empfehlung für ein stärkendes Jausen-Brettl. Wenn Ihr dort seid, wisst Ihr warum. Dann geht es in abermals ca. 30 Minuten bis zur Enzianhütte (1.790m). Hausgäste können hier den Luxus einer Bergsauna nutzen. Schöne Idee, aber ich will weiter. Es sind noch 300 Höhenmeter bis zur Rappenseehütte (2.091m), die gerade bei gutem Wetter noch einiges an Schweiß kosten, aber locker in anderthalb Stunden überwunden werden können. Man kommt also am späten Nachmittag auf der herrlich gelegenen DAV Hütte an, in der man wunderbar nächtigen kann. Wenn man das will. Ich will das dieses Mal nicht, sondern genieße neben dem Ausblick lediglich das kühlende glasklare Wasser des Rappensees und esse zum Abendbrot eine große Portion des Bergsteigeressens, bevor ich kurz vor Einsetzen der Dämmerung weiter laufe in Richtung Große Steinscharte, um mir dort einen Biwakplatz zu suchen. Wer das ebenfalls tun will, dem empfehle ich entweder den Grasrücken, den man von der Hütte aus sieht (da habe ich eine schöne Senke gefunden (Achtung, trotzdem sehr windig)), einen Platz direkt am Rappensee oder – Geheimtipp – ein Plätzchen im Wieslekar direkt hinter der Großen Steinscharte in Richtung Heilbronner Weg.

Eigentlich ein schöner Biwakplatz, wenn der Wind nicht so sehr am Tarp rütteln würde. Einschlafen: keine Chance. Also abbauen und auf eine trockene Nacht hoffen.

Eigentlich ein schöner Biwakplatz, wenn der Wind nicht so sehr am Tarp rütteln würde. Einschlafen: keine Chance. Also abbauen und auf eine trockene Nacht unterm Sternenzelt hoffen.

Am nächsten Morgen lohnt es sich, der ganz frühe Vogel zu sein. Der Vorteil ist, dass man noch möglichst lange im Bergschatten laufen kann und damit nicht so lange der oftmals echt anstrengenden Sonne ausgeliefert ist. Und außerdem hat man so die Gelegenheit, noch einen Abstecher zum Hohen Licht (2.655m) zu machen und damit einen Gipfel mit 360 Grad Rundumblick mitzunehmen, bevor es auf den eigentlichen Heilbronner Höhenweg geht. Der ist ein echtes Highlight. Schwindelfreiheit und Kondition sind in jedem Fall erforderlich, technische Schwierigkeiten sind aber nicht zu bewältigen. Immer wieder wartet der Weg mit tollen Ausblicken auf die umliegenden Bergzüge auf. Nach dem Steinschartenkopf (2.615m) und dem Wilden Mann (2.577m) und ca. 2h Gehzeit gibt es einen Notabstieg zum Waltenberger Haus (2.084m) durch das Hintere Bockkar. Ich gehe aber natürlich weiter über den Bockkarkopf (2.608m) bis zur Bockkarscharte – dem Ende des eigentlichen Heilbronner Weges. Wer noch einen Tag mehr Zeit hat, kann hier weitergehen bis zur Kemptner Hütte (1.844m), um dort zu nächtigen und am nächsten Morgen über Spielmannsau nach Oberstdorf abzusteigen. Für mich geht es über das leicht nervige Geröllfeld des Vorderen Bockkars zum Waltenberger Haus, das ich gegen Mittag erreiche. Das Waltenberger Haus wurde 1875 erbaut und ist eine verhältnismäßig kleine bewirtschaftete Schutzhütte. Wer dieses kleine Idyll in seiner ursprünglichen Form noch erleben will, der muss sich jedoch sputen. Nach der Sommersaison 2015 wir die Hütte abgerissen und durch eine moderne Schutzhütte ersetzt. Vom Waltenberger Haus sind es noch zwei oberschenkelintensive Stunden bergab bis zum Ausgangspunkt, der Bushaltestelle Birgsau. Hier angekommen hat man im Idealfall knapp 28 unvergessliche Stunden hinter sich und freut sich trotzdem ein wenig auf die folgenden ca. neun Stunden sitzend, stinkend und von neuen Abenteuern träumend. Drum sage ich #getoutthere

Sonntag, 16.30 Uhr: Bus von Birgsau nach Oberstdorf Bhf. (Ankunft: 16.55 Uhr)
Sonntag, 17.26 Uhr: RE & ICE von Oberstdorf Bhf. über Augsburg nach Hamburg Hbf. (Ankunft: 01.13 Uhr)

Und jetzt das Ganze noch einmal in Bildern:

Peters Alp: Habe selten was urigeres gesehen. Zwischenstopp ist hier Pflicht.

Peters Alp: Habe selten was urigeres gesehen. Zwischenstopp ist hier Pflicht.

Murmeltier-Alarm

Murmeltier-Alarm

99% schlafen auf der Rappenseehütte in überfüllten Schlafsälen – 1% schläft unter dem Sternendach zum Beispiel auf dem Grasrücken da oben

99% der Berggäste schlafen auf der Rappenseehütte in wochenends oftmals überfüllten Schlafsälen – 1% schläft unter dem Sternendach zum Beispiel auf dem Grasrücken da oben

Good morning. Und egal was du für Probleme hast, dir kommt nur eins in den Sinn: Life is good.

„Good morning“ passt selten besser. Und egal was Du gerade für Probleme hast, Dir kommt in diesem Moment nur eins in den Sinn: Life is good.

Biwak-Alternative mit Blick ins Lechtal

Biwak-Alternative im Wieslekar mit Blick ins Lechtal

Als Erster des Tages aufs Hohe Licht: Und ich so yeah...

Als Erster des Tages aufs Hohe Licht: Und ich so yeah…

Lächelnde Berge gibt es nur im Allgäu. Winke winke Große Steinscharte.

Lächelnde Berge gibt es nur im Allgäu. Winke winke Große Steinscharte.

It's always snowing somewhere und manchmal bleibt es auch länger liegen als anderswo

It’s always snowing somewhere und mancherorts bleibt der Schnee halt einfach auch länger liegen als anderswo

Kein durchkommen mit Übergewicht oder großem Rucksack am Heilbronner Törle

Kein durchkommen mit Übergewicht oder großem Rucksack am Heilbronner Törle

Eine der wenigen kleinen technischen Herausforderungen: Die Leiter kurz vor dem Steinschartenkopf auf dem Heilbronner Weg

Eine der wenigen kleinen technischen Herausforderungen: Die Leiter kurz vor dem Steinschartenkopf auf dem Heilbronner Weg

Blick zum Waltenberger Haus und auf den Rückweg nach Birgsau

Blick zum Waltenberger Haus und auf den Rückweg nach Birgsau

Eigentlich hatte ich jetzt noch einen langen Absatz zum Wetter vor, lass das aber #ausgruenden mal. Viel Spaß beim Nachmachen. Freue mich über Eure Erfahrungen.

9 Antworten zu “The Mountains are calling…

  1. Herrlich. Anfang des Jahres dachte ich noch: warum gibt es eigentlich keine deutschen Blogs, die einfach mal über Wandern ohne Folkloreanfall oder Nerdism schreiben. Und in einer Sprache, dass einem nicht die Füße einschlafen. Hab damit angefangen, dann aus Zeit- und Talentmangel aufgehört und sehe nun: gelingt anderen famos! Danke! Den Weg gehe ich dann Ende September mal.

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    • Danke „Noch ein Björn“ 😉 wie sah denn die vermeintlich Talentfreiheit aus? Ist ja oft auch Geschmackssache. Und falls Du Ende September auf den Heilbronner Weg gehst: Check bitte das Wetter! Kann keine Beiträge mehr lesen von Leuten die in Freizeitklamotten und Laufschuhen irgendwo von Schnee und Kälte „überrascht“ werden und so durch ihre Blauäugigkeit (oder Ignoranz) Bergretter in Lebensgefahr bringen. Und schreib ruhig mal, wie es war. Außerdem freue ich mich über weitere Kommentare von Dir 🙂

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      • Keine Angst, den gehe ich nur bei wirklich gutem Wetter und professionell ausgerüstet. Wettertechnisch hab ich vor den Alpen ziemlichen Respekt, auch wenn ich in den Bergen Skandinaviens die letzten zwanzig Jahre schon alles gehabt hab. Meine Blog-Spielwiese für ein paar Wochen war malebenraus.de, die aber nie irgendwohin kommuniziert wurde, da eben nur als Test gedacht, ob ich das aufwandstechnisch durchhalte. Antwort: nicht so wirklich 😉

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