Dabei sein ist alles. Nicht.

Ich weiß, ihr musstet lange warten. Weil zwischenzeitlich etwas so unglaublich Trauriges passiert ist. Und weil ich einfach keine Zeit und Muße hatte, wieder einen rauszuhauen. Dabei habe ich so viele heiße Themen im Köcher (hihi), die nur drauf warten, von mir runtergeschrieben und von euch gelesen zu werden. Doch jetzt ist er da, der neueste St. Bergweh Blogpost. Und gleich ein zünftiger Rant. Also haltet euch fest – heute ist das Motto „Dabei sein ist alles“.

So könnte es 2024 in Hamburg aussehen, wenn die Hamburger Bürger es so wollen (Bild: Gärtner + Christ)

So könnte es 2024 in Hamburg aussehen, wenn die Hamburger Bürger es so wollen (Bild: Gärtner + Christ)

Ich komme gerade von der Verleihung des Deutschen Sportjournalistenpreises 2015 im Grand Hotel Elysée Hamburg. Und während sich die werten Damen und Herren Journalisten – größtenteils zurecht – grad ausnahmsweise selbst feiern, statt sich als Vierte Gewalt im Staate (oder in diesem Fall im Sportbusiness) als kritischer Vertreter des Volkes zu engagieren, und sich noch einen ordentlich hinter die Binde kippen, sitze ich weit nach Mitternacht hier an meinem spartanischen Küchentisch und malträtiere die Tasten meinem Laptops. (Kleiner Tipp am Rande an alle (Sport-)Journalisten: Traut euren Leser und Zuhörern gerne Schachtelsätze zu, auch – oder gerade weil – euer Wolf Schneider das anders predigt!)

Doch kommen wir zum Punkt: Nicht ganz unerwartet haben die Olympiabewerbungsbefürworter der Stadt Hamburg die Preisverleihung als Gelegenheit genutzt, um Werbung für die Olympischen Spiele 2024 in Hamburg zu machen. Dagegen gibt es ja per se erst einmal nichts einzuwenden – außer vielleicht, dass es höchst fragwürdig ist, eine Institution wie das IOC überhaupt in irgendeiner Form zu unterstützen. Wenn man dran glaubt, dann darf man gerne dafür einstehen, aber bitte nicht so, wie zum Beispiel Dr. Ole Schröder, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern und Schirmherr der Gala, der sich erst im Rahmen der Podiumsdiskussion von den Journalisten wünscht, positiv über die Olympischen Spiele (bzw. die Bewerbung darum) zu berichten – mit dem Zusatz, der ihm dann weniger leicht über die Lippen geht: „aber natürlich auch kritisch“. Und der dann im Gespräch mit einem Hamburger Unternehmer, der es zwar als seine Aufgabe ansieht, seine Mitarbeiter auf die Möglichkeit zur Wahl Pro oder Kontra Olympische Bewerbung aufmerksam zu machen, aber nicht, sie zu einem Kreuz beim „Ja“ zu drängen, sinngemäß so etwas sagte wie: Nein, das muss man seinen Mitarbeitern auch mal so plump sagen: Geht wählen und wählt für die Olympischen Spiele in Hamburg! Tut mir Leid, da schwillt mir der Kamm.

Vor der Podiumsdiskussion zum Deutschen Sportjournalistenpreis 2015 ist vor der Dauerwerbesendung für Olympische Spiele 2024 in Hamburg

Vor der Podiumsdiskussion zum Deutschen Sportjournalistenpreis 2015 ist vor der Dauerwerbesendung für Olympische Spiele 2024 in Hamburg

Einen ähnlichen Fall gab es schon vor ein paar Wochen. Anfang September wurde ich zum „Sportstudio“ in den Mercedes me Store am Ballindamm zu einer Diskussionsrunde zum Thema „Hamburg und Olympische Spiele“ eingeladen. Doch Diskussion konnte man es kaum nennen. Die eingeladenen Sportler, unter anderem Snowboarderin Anke Karstens (Olympische Silbermedaille 2014), Hockeyspielerin Eileen Hoffmann (Europameistertitel 2013) und Beachvolleyballerin Sara Niedrig (Europameistertitel 2008 & 2010), waren natürlich allesamt Pro-Olympia. Wer will es ihnen verübeln. Nur wenige Sportstars haben die Courage, dem System IOC den Mittelfinger zu zeigen und eine klare Absage zu erteilen. Einer von ihnen war zum Beispiel die norwegische Snowboardlegende Terje Haakonsen.
Wirklich aufgeregt hat mich Angela Braasch-Eggert, die Ehrenpräsidentin des Hamburger Sportbundes. Erst der verbale Seitenhieb gegen Leipzig, die sich 2003 erfolgreich als deutscher Olympiabewerber unter anderem gegen Hamburg durchgesetzt hatten: „Die Olympiabewerbung Leipzigs war von Anfang an aussichtslos.“ Und dann die Aussage, die Menschen – und vor allem die über 500.000 Mitglieder im Hamburger Sportbund – überzeugen zu wollen, beim Olympia-Referendum (Volksbefragung) am 29. November 2015 abzustimmen und zwar richtig abzustimmen.

Ich so unterwegs beim Sportstudio von Mercedes me zum Thema „Hamburg und Olympische Spiele“ (Bildquelle: Facebook Mercedes me)

Liebe Frau Angela Braasch-Eggert, werter Herr Ole Schröder, ich will von Ihnen nicht „überzeugt“ werden. Als Sportler und damit als Mitglied im Hamburger Sportbund und als Bürger der Stadt Hamburg und der Bundesrepublik Deutschland – und in diesem Fall viel wichtiger: als selbständig denkender und frei handelnder Mensch – erwarte ich von Ihnen, dass sie die Themen, die in Ihren Zuständigkeitsbereich fallen, kritisch und objektiv hinterfragen. Dass Sie belastbare Fakten sammeln und zur Not einfordern. Und dass Sie mich dann informieren oder Möglichkeiten und Plattformen zur Diskussion bieten. Eine Meinung kann und möchte ich mir dann selbst bilden. Und entscheiden erst recht. Vergessen Sie nicht, dass Sie Menschen wie mich vertreten und nicht vereinzelte Institutionen, unternehmerische Interessen oder Ihr Ego. Die Vehemenz, mit der Sie sich gegen die Meinungen anderer wehren, stärkt bei mir nicht das Gefühl, dass Sie es mit der vielbeteuerten Transparenz sonderlich ernst meinen. Ich will von Ihnen keinen (Wahl-)Brief bekommen, der mich von einer Sache „überzeugen“ und zu einer bestimmten Entscheidung drängen soll. Ich will neutrale Fakten und ich will auch die Gegenargumente hören. Was für ein Heckmeck, dass die Argumente der Olympiagegner nur über das Beibringen von mindestens 10.000 Unterschriften Platz im offiziellen Informationsheft zum Bürgerreferendum finden sollten. Das alles erweckt den Eindruck, dass aus „Dabei sein ist alles“ ganz unverblühmt „Dabei sein um jeden Preis“ geworden ist.

Liebe Angela, werter Ole, verhalten Sie sich endlich wie Vertreter Ihrer Mitglieder bzw. der Bürger dieses Landes. Wenn diese es auf Basis möglichst umfassender und neutraler Informationen für richtig erachten, dass es 2024 keine Olympischen Spiele in Hamburg geben sollte, dann ist das keine Niederlage für Sie, sondern der Wille derer, die Sie vertreten. Und sollte sich die Mehrheit auch ohne ihre Einflussnahme Pro-Olympiabewerbung aussprechen, dann – und nur dann – ist das eine wirkliche Willensbekundung. Dann dürfen Sie loslegen. Aber eben nur dann.

Zum Abschluss – und um ein bisschen Ausgleich zu schaffen zu den Werbeveranstaltungen der Olympiabefürworter – hier eine paar interessante Links und Websites zur zusätzlichen Information bzgl. der Olympiabewerbung von Hamburg (gerne weitere Links in den Kommentaren posten):
Initiative NOlympia Hamburg: nolympia-hamburg.de
Olympiakritischer Blog: fairspielen.de
Online-Zeitung: schattenblick.de
Wirtschaftsblog Pixeloekonom: pixeloekonom.de
Olympiastudie der Linken: die-linke-hamburg.de

3 Antworten zu “Dabei sein ist alles. Nicht.

  1. Bin ich froh, dass ich mal jemanden lese der ebenfalls gegen Olympia ist… Ich will weder eine Elbvertiefung noch eine zweite Elbphilharmonie für den Sport. Die so angepriesenen Sozialwohnungen die barrierefrei sind können sie auch so bauen.

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  2. Pingback: Das Kreuz mit Olympia | St. Bergweh·

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