Geht gar nicht: Positivity Snowboard Camp

Gaaaaanz ehrlich, das könnt Ihr Euch sparen. Das Positivity Camp war ein absoluter Reinfall. Das schlechteste Sommer Snowboard Camp überhaupt. Absolut nicht zu empfehlen. Nein, eigentlich warne ich Euch sogar davor, da mal aus Jux und Dollerei hinzufahren. Vergeudete Zeit, die Ihr Tausend Mal besser nutzen könntet. Echt jetzt: Geht gar nicht!

Positivity Snowboard Camp 2015

Positivity Snowboard Camp 2015

So, jetzt müssten alle Pseudo-Snowboarder und Möchtegern-Shredder weggeklickt haben, um sich weiter Jerry of the Day Videos reinziehen zu können. Denn was ich eigentlich sagen will: Geht gar nicht, dass Du noch nie beim Positivity Camp gewesen bist. Zumindest nicht, wenn Dir Snowboarden wirklich was bedeutet, also mehr ist als eine Sportart. Mehr als ein Grund für Apres-Ski. Und mehr als ein zusätzlicher Coolnessfaktor für deine Aufreiß-Taktik in der Kneipe ums Eck. Ich kann mir das nur damit erklären, dass es außer einem Beitrag von Fotojournalist Markus Fischer aka Fischi, der im Pleasure Snowboard Magazin #115 und bei einem großen österreichischen Brausehersteller (verlinke ich jetzt mal aus Gründen nicht – DRINK WATER) erschienen ist, kaum deutschsprachige Artikel im Netz zu finden gibt. Das ändert sich heute, denn ich möchte Euch das wirklich außergewöhnliche Non-Profit Snowboard Summer Camp, das ich im letzten Jahr erstmals besucht habe, mit den nächsten Zeilen und Bildern wärmstens ans Snowboarder-Herz legen. Es findet in diesem Jahr von 10.-19. Juni 2016 auf dem abgelegenen Siedel Gletscher an der italienisch-schweizerischen Grenze statt. Anmelden kann man sich ganz unkompliziert auf www.positivitycamp.com und aktuelle News gibt es auf der Positivity Camp Facebook-Seite. Man kann selbst entscheiden, wann und wie lange man kommt. Pro Tag kostet das Camp 80,- EUR (beinhaltet Übernachtung im Rifugio 3A, drei reichhaltige Mahlzeiten und die Nutzung des Skilifts).

Der Park von oben: Irgendwo springt hier immer irgendjemand

Der Park von oben: Irgendwo springt hier immer irgendjemand

Kurz zum Hintergrund: Im italienischen Piemont, ca. drei Autostunden von Mailand entfernt, liegt das Val Formazza – ein klassisches Südalpental kurz vor der Grenze zur Schweiz. An dessen Ende führt ein Wanderweg über die Berghütte Cittá die Busto zu der auf knapp 3.000 Meter hoch gelegenen Berghütte Rifugio 3A. Die Hütte wird von den karitativen Organisationen Mato Grosso bzw. Don Bosco betrieben, die sich insbesondere für soziale Projekte in Südamerika engagieren – z.B. den Bau von Schulen oder Berghütten, die der einheimischen Landbevölkerung Bildung und Einnahmequellen ermöglichen sollen. Der komplette Gewinn aus dem Positivity Camp geht diesem – wie ich finde – sehr sinnvollen Verwendungszweck zu.

Abendstimmung vor dem Rifugio 3A: Während Gigi Rüf und Elias Elhardt in der warmen Stube mit uns Abendessen und Rotwein trinken, genießen ihre Boards den Ausblick

Abendstimmung vor dem Rifugio 3A: Während Gigi Rüf und Elias Elhardt in der warmen Stube mit uns Abendessen und Rotwein trinken, genießen ihre Boards den Ausblick

Die Idee, hier ein Snowboard Sommer Camp zu veranstalten, entstand im Jahr 1999. Die wirklich sehr sympathischen Camp-Veranstalter Maurino Castellani und Andrea Giordan sind leidenschaftliche Snowboarder. Mit dem Positivity Camp wollen sie einen Gegenpol zum Rummel in den Snowparks und zur Partyatmosphäre in den Skigebieten schaffen. Es geht um das Wesentliche: Freunde. Natur. Spaß. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dieser Philosophie folgen jedes Jahr 40-80 Snowboarder, vorwiegend aus Italien und der Schweiz. Manchmal auch aus Österreich. Und ganz selten – aber zukünftig vielleicht häufiger – Snowboarder aus Deutschland. Und selbst der eine oder andere Pro-Rider kann sich der Magie dieses Orts nicht entziehen: So findet sich im Aufenthaltsraum des Rifugio 3A zum Beispiel ein handsigniertes Snowboard von der schwedischen Freestyle-Legende Ingemar Backman. Und auch im vergangenen Jahr verschlug es mit Elias Elhardt und Gigi Rüf zwei ganz Große der Snowboardszene in die italienische Abgeschiedenheit. Gemeinsam mit den Jungs von Pirate Movie Production drehten sie hier ein paar Sequenzen für ihren aktuellen Film „Follow Your Nose“.

Elias "Hang Loose" Elhardt mal ganz entspannt fürs Fernsehen – ach nee: Internet

Elias „Hang Loose“ Elhardt mal ganz entspannt fürs Fernsehen – ach nee: Internet

Was erwartet Euch, wenn Ihr Euch für einen Besuch beim Positivity Camp entscheidet? Ja, Ihr müsst Euer gesamtes Equipment ca. 4h und 1.000 Höhenmeter zur Berghütte tragen. Und nein, es gibt keine Schönwettergarantie. Ja, es ist anderswo Sommer, während Ihr euch im Schnee tummelt. Und nein, es gibt keine Einzelzimmer mit warmer Dusche und TV. Ja, es gibt nur die eine „Piste“. Und nein, es gibt keinen beheizten Sessellift, sondern nur einen langsamen Schlepper. Ja, Ihr müsst mit der ganzen Meute lauthals „Alégar e’n gamba“ rufend mindestens einen der heftigen Schnäpse trinken. Und nein, es gibt keine Ausrede, dies nicht zu tun. Trotzdem werdet Ihr es lieben.

„Positivity Camp: Tough to reach. Hard to forget.“

Denn das Positivity Camp ist ein kleines Abenteuer und die bleiben bekanntlich lange im Gedächtnis. Als ich mich im vergangenen Jahr auf den Weg von Hamburg ins Val Formazza begab, hatte ich im Auto rund 1.200 km Zeit, um mir Gedanken darüber zu machen, was das nun wieder für eine irrsinnige Idee von mir war. Ich kam im Dauerregen an und hatte in den wolkenverhangenen Bergen nur eine wage Vorstellung davon, wo der Weg zur Hütte entlang führen musste. Zum Glück kamen gleichzeitig zwei Italiener an, die in den nächsten Tagen auf der Hütte arbeiten würden. Ich schloss mich ihnen kurzerhand an und profitiert so noch von der Abkürzung, die sie kannten. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass sich das gesamte Personal (Küche, Lift etc.) für die Camp-Tage Urlaub nimmt und ehrenamtlich arbeitet, damit wirklich möglichst viel Geld für den guten Zweck zusammenkommt. Das finde ich wirklich beachtlich und dem zolle ich größten Respekt, denn bei mir ist jeder Urlaubstag heilig, um irgendwelche Dinge erleben oder Länder bereisen zu können.

Gigi Rüf hat einfach nur Spaß im Mini Park neben dem Rifugio 3A

Gigi Rüf hat einfach nur Spaß im Mini Park neben dem Rifugio 3A

Am Gletscher angekommen wartete schon die Pistenraupe auf uns. Vorbei am wirklich beachtlichen Park, für den mit Stefan Plattner (Parkmanager Corvatsch Park & Pipecutter im Saas-Fee Summerpark) ein unglaublich netter Typ und Shape-Artist verantwortlich zeichnet, geht es die letzten Meter hoch zum Rifugio 3A. Im Park steht in diesem Jahr kein Mega-Kicker mit 20 Meter Table, wie in den Jahren zuvor, da die Winde für den Pistenbully defekt ist. Aber es gibt eine hervorragende Double Line mit diversen Obstacles und einem Wallride. Und auch drumherum wird alles genutzt, um sich kreativ auszutoben – selbst die Liftspur. Stefan macht das jetzt seit einigen Jahren und verriet mir, dass das Camp für ihn Urlaub für die Seele ist. Irgendwie glaube ich, gilt das für jeden hier oben. Alle kommen hier oben (geografisch) irgendwie runter (mental): die jungen aufgedrehten Park-Pros und die Großstadt-Bürohocker wie ich. Und alle verstehen sich irgendwie, trotz Sprachbarriere, Altersunterschied und unterschiedlicher Riding-Levels. Denn es geht um Snowboarden. Freunde. Natur. Und Spaß. Hier ein filmischer Rückblick von Maurino auf das letztjährige Camp:

Das Rifugio 3A besteht aus zwei Gebäuden: dem Haupthaus und einem Nebenhaus, in dem sich unter anderem der Skiraum aka die Smoking Area und eine Tischtennisplatte befinden. Im Hauptgebäude gibt es einen großen Aufenthaltsraum mit der angeschlossenen Küche und einem warmen Ofen sowie diverse Schlafräume und Etagenduschen/-toiletten. Morgens, Mittags und Abends wird gemeinsam gegessen. Am Vormittag und am Nachmittag läuft der Lift. Direkt neben dem Haus ist ein kleiner Mini-Park aufgebaut – falls das Wetter mal nicht so toll ist oder man einfach mal Bock auf was Kleines zwischendurch hat. Bei schönem Wetter kann man zwischendrin wunderbar auf der Terrasse abhängen oder einfach mal ein paar Meter laufen. Der Blick über die umliegenden 3.000er, den Stausee oder in Richtung Tal ist genial. Wenn Ihr alles richtig macht, vergeht die Zeit wie im Flug und gleichzeitig seid Ihr entspannt wie nie.
Die Abreise besteht dann in der Regel immer aus zahlreichen Umarmungen, dem Austausch von Kontaktdaten und dem sicheren „See you next year“. Dann geht es je nach Schneelage im Wechsel mit dem Brett unter den Füßen oder mit dem Brett auf dem Rücken zurück ins Tal zum Auto. Normalerweise ist unten immer ein Altschneefeld über einem Bach, so dass man tatsächlich fast bis zum Auto abfahren kann. Anschließend sollte man noch in einem der kleinen Dörfer im Tal eine Pizza zur Stärkung für die Heimreise essen. Dann sitzt man nicht nur mit einem Lächeln, sondern auch mit einem gut gefüllten Magen die nächsten Stunden im Auto (es gibt übrigens auch einen Zustieg über die Schweizer Seite, was durchaus einige Autokilometer sparen würde – am besten die Camp-Initiatoren Maurino und Andrea fragen, falls Ihr das vorhaben solltet). Und falls Ihr meiner Empfehlung folgt und ein paar Tage zum Positivity Camp 2016 kommt, lasst es mich wissen, ich werde auch da sein.

Meine "Abfahrtsspur"... Und am Horizont ist schemenhaft der Berg zu erkennen, auf dem das Rifugio 3A steht

Meine „Abfahrtsspur“… Und am Horizont ist schemenhaft der Berg zu erkennen, auf dem das Rifugio 3A steht

Übrigens, wer dieses Jahr nicht dabei sein kann und trotzdem was Gutes tun will: Es gibt ein limitiertes Aktions-T-Shirt, dessen Erlös komplett dem Positivity Camp zu Gute kommt: www.sancro.it/products/pos-camp.

Fun Fact: Der Sommer-Skilift am Rifugio 3A galt schon vor über 15 Jahren als großes Mysterium, das auf sehr unterhaltsame Art und Weise in einem Internetforum „aufgelöst“ wurde: alpinforum.com. Kurz darauf verschlägt es dann auch die ersten deutschen Skitouristen auf den Siedel Gletscher: www.sommerschi.com

Und hier noch ein paar mehr Bilder von meinem Ausflug ins Val Formazza im vergangenen Jahr:

Tiefflieger 1: Wer lange genug vor der Hütte sitzt, bekommt garantiert Murmeltiere zu sehen – und angeblich schaut ab und an ein Fuchs vorbei

Tiefflieger 1: Wer lange genug vor der Hütte sitzt, bekommt garantiert Murmeltiere zu sehen – und angeblich schaut ab und an ein Fuchs vorbei

Tiefflieger 2: Gigi Rüf irgendwo über dem Rifugio 3A

Tiefflieger 2: Gigi Rüf irgendwo über dem Rifugio 3A

Einer meiner Lieblings-Shots: Lorenzo Barbieri mit jeder Menge Style

Einer meiner Lieblings-Shots: Lorenzo Barbieri mit jeder Menge Style

Giò Iannino mal kurz im T-Shirt 'ne Ansage machen und dann wieder in der Hütte chillen

Giò Iannino mal kurz im T-Shirt ’ne Ansage machen und dann wieder in der Hütte chillen

Hoch und weit: Andrea Bergamaschi haut auf der Kickerline einen raus

Hoch und weit: Andrea Bergamaschi haut auf der Kickerline einen raus

Eins der wenigen Rails und oben drauf Pasquale Mayo Gentile

Eins der wenigen Rails und oben drauf Pasquale Mayo Gentile

Geilstes Obstacle und geiler Typ: Lorenzo Buzzoni am Flippen neben der Trasher Skateboard Truck

Geilstes Obstacle und geiler Typ: Lorenzo Buzzoni am Flippen neben der Trasher Skateboard Truck

Ungefähr eine Woche vor Campstart baut Stefan Plattner den Park und macht zwischendrin immer wieder alles hübsch - danke Stefan

Ungefähr eine Woche vor Campstart baut Stefan Plattner den Park und macht zwischendrin immer wieder alles hübsch – danke Stefan

Abendstimmung: Frühes Aufstehen oder Abends noch einmal vor die Tür gehen wird belohnt mit Licht vom Feinsten

Abendstimmung: Frühes Aufstehen oder Abends noch einmal vor die Tür gehen wird belohnt mit Licht vom Feinsten

Und zu guter Letzt noch ein Shot von mir – weit weg von den Skills der meisten anderen hier, aber das hat keinen interessiert (Foto: Alex Cacciabue)

Und zu guter Letzt noch ein Shot von mir – weit weg von den Skills der meisten anderen hier, aber das hat keinen interessiert (Foto: Alex Cacciabue)

Beim Abschlussmusikvideo haue ich mal passend zu Thema einfach das Positivity Camp Video von Deeluxe raus, das hat nämlich eine ordentliche Portion italienische Musikkultur und bringt euch gleichzeitig das Positivity Camp etwas näher. Hinsetzen. Anschnallen. Los geht’s:

Eine Antwort zu “Geht gar nicht: Positivity Snowboard Camp

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