Sympatex: das bessere Gore-Tex?

Mit einem dumpfen Ton landet der gelbe Rucksack von Jakob auf dem weichen Waldboden. Er holt einen Biwaksack heraus und breitet ihn neben dem Wanderrucksack aus. Es folgen Jacke und Hose. Dann Mütze, Buff, Weste, T-Shirt und Socken. Plötzlich steht der Bergwander- und Naturführer lediglich mit Unterhose bekleidet vor uns, während seine Sachen knapp zehn Quadratmeter des Naturparks Karwendel bedecken. Eine Schicht aus Kunstfasern, chemisch behandelten Membranen und Plastik liegt über dem tier- und pflanzenreichen und deshalb besonders schützenswerten Untergrund. Was im ersten Moment eher lustig wirkt, ist beim näheren Hinschauen eine eindrucksvolle Demonstration dessen, was ich als Outdoor-Antagonismus bezeichnen würde: Die meisten outdoorbegeisterten Menschen lieben die Natur und setzen sich für ihren Erhalt ein, gleichzeitig schaden sie der Natur durch den meist gedankenlosen und oft obsessiven Kauf von massenweise hochfunktioneller Kleidung und Ausstattung. Mit seiner plakativen „Striptease“-Einlage schaffte es Jakob, den Grund und die Sinnhaftigkeit meines zweitägigen Aufenthalts auf der Mittenwalder Hütte am Rand des Karwendelgebirges, von dem ich Euch im Folgenden berichten möchte, eindrucksvoll zu bestätigen.

Bergwander- und Naturführer Jakob gibt wirklich alles, um uns bewusst zu machen, dass auch wir Outdoorfreunde eine Verantwortung haben – vielleicht die größte…

Sympatex Design-Hackathon
Einer Einladung des Outdoor Blogger Networks OBN folgend, fuhr ich an einem Mittwochabend mit dem Zug von Hamburg nach München und am nächsten Morgen per Mitfahrgelegenheit weiter nach Mittenwald, um mit elf anderen Bloggern am Sympatex Hackathon auf der auf knapp 1.600 Metern Höhe gelegenen gleichnamigen DAV-Hütte teilzunehmen. Der Begriff Hackathon ist eine aus der Softwareentwicklung stammende Wortkreation, die für Veranstaltungen steht, bei denen durch kollaborative Prozesse gemeinsam Lösungen für Probleme gesucht werden. Sympatex, mit Sitz im bayerischen Unterföhring, entwickelt, produziert und vertreibt seit 1986 weltweit Membrane, Laminate und Funktionstextilien sowie Fertigfabrikate – also Materialien und Technologien, die man auch in funktioneller Outdoor-Bekleidung findet. Die Sympatex-Membran ist ähnlich wie die weitaus bekanntere und verbreitetere Gore-Tex-Membran atmungsaktiv sowie 100 Prozent wind- und wasserdicht. Jedoch ist sie komplett recycelbar, bluesign-approved und mit dem „Oeko-Tex-Standard-100“-Zertifikat ausgezeichnet sowie PTFE-frei und PFC-frei. Trotz dieser teilweise schon seit vielen Jahren bestehenden Vorteile scheint sich bei den Verbrauchern die Meinung zu halten, dass gute Funktionsbekleidung eine Gore-Tex-Membran benötigt. Das mag bezogen auf die Performance auch sicher mal gestimmt haben. Hier haben andere Hersteller aber deutlich aufgeholt oder gehen einen gänzlich anderen Weg, zum Beispiel Páramo, und das mit deutlich geringerem negativem Impact für Mensch und Natur. Ziel des Hackathons war es deshalb, beispielhaft eine nahezu perfekte Funktionsjacke zu entwickeln. Den Prototyp einer Jacke, die weder bei der Funktionalität, noch bei der Nachhaltigkeit Kompromisse macht. Als starkes Signal für die Textilindustrie und die Verbraucher. Präsentiert werden soll die Jacke Mitte Juni im Rahmen der OutDoor Fachmesse Friedrichshafen am Sympatex Stand. Weitere Informationen gibt es unter closingtheloop.de, wo man die Jacke ab 18. Juni 2017 sogar mit diversen Individualiserungsmöglichkeiten kaufen kann.

Diese Blogs haben neben St. Bergweh teilgenommen: Mehr Berge | Ich liebe Berge | Ulligunde | Runfurther | Jäger der Berge | Wanderwütig | Lebedraußen | Beuteltiere | HRXXLight | Matschbar | Gerald Zhang-Schmidt | Fastpacking (Foto: Bergjournalisten Manuela Federl)

Chemiekeule als Wetterschutz
Bevor ich jedoch zum Hackathon komme, noch eine kleine Vorgeschichte: 2011 hat Greenpeace mit der sogenannten Detox-Kampagne der Textilindustrie und allen voran den Sport- und Outdoorherstellern öffentlichkeitswirksam den Kampf angesagt. Neben diversen Aktion stellte Greenpeace im Rahmen der Ispo Sportartikelfachmesse 2016 in München den vielbeachteten Leaving Traces Report über versteckte Chemikalien in Outdoorprodukten vor. Von 40 getesteten Jacken, Hosen, Zelten, Schuhen, Handschuhen etc. verschiedener Markenhersteller enthielten 36 teils erhebliche Mengen verschiedenster per- and polyfluorierter Chemikalien, sogenannte PFCs, die im Verdacht stehen, das Erbgut zu schädigen und Krebs zu verursachen. Das gilt nicht nur für den Herstellungsprozess. Da es sich in der Natur kaum abbaut, stellt es für Jedermann eine Gefahr dar. Weshalb so viele Hersteller von der PFC-Problematik betroffen sind, liegt darin begründet, dass sie alle auf wasserdichte und atmungsaktive Membrane von Gore Fabrics, dem Hersteller der Gore-Tex-Membran, zurückgreifen (Marktanteil für wasserdichte Textilschichten über 90 Prozent). Insofern kann es als Erfolg angesehen werden, dass Gore Fabrics im Rahmen der diesjährigen Ispo ankündigte, in seinen Outdoor-Produkten künftig ökologisch bedenkliche PFCs vollständig beseitigen zu wollen. Dies soll bis Ende 2020 geschehen, wie Gore Fabrics in der zugehörigen Pressemitteilung bekannt gibt.

David gegen Goliath
Direkt nach der Bekanntgabe auf der Ispo 2017 stichelte Sympatex, deren Membran nach eigenen Aussagen schon seit der Gründung des Unternehmens vor über 30 Jahren PTFE-frei und PFC-frei ist, in einer eigenen Pressemitteilung: „Wir beglückwünschen unseren Wettbewerber zu diesem Schritt, der aus unserer Sicht längst überfällig war, auch wenn es immer bedauerlich ist, wenn in Märkten die Einsicht für unternehmerische Verantwortung für die Allgemeinheit erst dann kommt, wenn die Öffentlichkeit im Schulterschluss mit Organisationen wie Greenpeace unübersehbaren Druck ausübt, um eine solche Veränderung zu erzwingen“, so Dr. Rüdiger Fox, CEO Sympatex Technologies. Doch dabei blieb es nicht. Sympatex erwirkte zum 12. April 2017 vor dem Landgericht Hamburg eine Unterlassungsklage gegen Gore Fabrics: Demnach darf Gore nicht länger behaupten, dass das ökologisch umstrittene PTFE (Polytetrafluorethylen) – das Grundprodukt der Gore Fabrics Membran – umweltfreundlich sei, sofern es ohne die bedenklichen PFCs hergestellt werde. Die Aussage, dass dies wissenschaftlicher Konsens sei, ist ebenfalls Teil der stattgegebenen Unterlassungsklage, wie in dieser Pressemitteilung nachzulesen ist, gegen die mittlerweile wiederum Gore Fabrics eine einstweilige Verfügung beim Landgericht München erwirkt hat. Diese untersagt Sympatex, über das einstweilige Verfügungsverfahren vor dem Landgericht Hamburg zu informieren oder informieren zu lassen, wie zum Beispiel mit vorgenannter Pressemitteilung. Wer aus diesem öffentlichen Scharmützel als Gewinner hervorgeht, bleibt abzuwarten. Im Moment gewinnen zumindest Umwelt und Verbraucher, weil sich überhaupt was bewegt.

Ich so mittendrin beim Sympatex Design-Hackathon auf der Mittenwalder Hütte (Foto: Bergjournalisten Manuela Federl)

Der Hackathon in Bildern
Bevor ich Euch mit noch mehr Text langweile, beschreibe ich den Hackathon einfach mal in Bildern. Einfach in das erste Bild unten klicken und dann müsste sich die Bildergalerie mit ein paar erklärenden Worten öffnen. Ansonsten kann ich Euch noch die ganzen Artikel einiger anderer Hackathon-Teilnehmer empfehlen. Die findet Ihr unter den Bildern.

Hier die lesenswerten Berichte meiner Blogger-Kollegen und ein schönes Kurz-Video vom Hackathon von Erika. Schaut mal rein:
jaeger-der-berge.de | Die weltweit erste klimaneutrale Funktionsjacke
lebedraussen.de Outdoor-Industrie vs. Verbraucher: | Wer bestimmt was gekauft wird?
matschbar.com | Ein Stück Natur für unsere Kinder
wanderwuetig-blog.de | Die Funktionsjacke der Zukunft
wanderwuetig-blog.de | Die erste klimaneutrale Membran (Interview mit Dr. Rüdiger Fox, CEO Sympatex Technologies GmbH)
ich-liebe-berge.ch | Entwicklung einer neuen Jacke – 1. Sympatex Hackathon
beuteltiere.org | Was ich vom #SympatexHackathon mitgenommen habe
zhangschmidt.com | Youtube Video-Podcast #SympatexHackathon
hrXXLight.com | Funkionsjacke 4.0 – den anderen einen Schritt voraus


Video von Erika von ulligunde.de

Die Funktionsjacke 4.0
Da ich zwar über eine seit mindestens drei Generationen existierende Familientradition im Schneider-Handwerk verfüge, bin ich kein Textilexperte. Deshalb überlasse ich das mal den Spezialisten. Laut Sympatex wird die Materialbasis der Jacke ein 100 Prozent recyceltes Laminat aus dem bestehenden Sympatex-Portfolio sein. Die Membran, deren Produktionsabfälle vollständig über das sogenannte „Sympatex pre-consumer Recycling“ wiederverwendet werden, besteht aus 100 Prozent Polyetherester und ist, wie auch die Textilien, vollkommen klimaneutral hergestellt. Die zu 100 Prozent recycelten Ober- und Futterstoffe bestehen aus GRS (Global Recycled Standard) beziehungsweise bluesign zertifizierten Polyester-Fasern. Vergleicht man die Herstellung von einem Kilogramm der verwendeten recycelten Polyesterfasern mit einem Kilogramm erdölbasierten Polyesterfasern, scheint die Ökobilanz bemerkenswert gut: Laut Sympatex 32 Prozent CO2-Reduktion, 60 Prozent Energieeinsparung und 94 Prozent weniger Wasserverbrauch. Hier werden anstelle von 60 Litern nur etwa drei Liter der – wie wir alle wissen –
knappen Ressource verbraucht. Aufgrund der besonderen Färbetechnologie (Digitalprint), bedarf es keinem klassischen Nassfärbeprozess (spart ebenfalls Wasser) und bietet trotzdem nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für individuelles Design. Außerdem wird die Funktionsjacke zu 100 Prozent recyclingfähig sein und kann somit am Ende ihrer Tragezeit wieder über ein Upcycling-Verfahren zu neuen Fasern ausgesponnen werden. Im Inneren der Jacke wird hierfür ein Rücksendeprint mit der Sympatex Firmenadresse integriert sein. So wird sie direkt an einen Kunststoffrecycler gesandt, wodurch im Anschluss wiederum Polyesterfasern ausgesponnen werden können und der Kreislauf bei fast gleichbleibendem Wertstoffniveau geschlossen wird.
Ob die Jacke mit ihrer Sympatex-Membran eine bessere ist, als jede der zahlreichen verfügbaren Modelle mit Gore-Tex Membran hängt davon ab, wie man „besser“ definiert. Ist das „Besser“ auf die reine Performance bezogen oder auf einen gesunden Mix aus Performance und Nachhaltigkeit? Das ist und bleibt die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Wer jedoch auf ein Quäntchen Performance verzichten kann, weil er oder sie nie auf Expeditionen unterwegs ist und sich auch nicht im Profi-Alpinisten-Bereich einordnet, sollte sich fragen, ob es nicht an der Zeit ist, als Verbraucher mit der eigenen Kaufentscheidung ein Zeichen in Richtung Industrie zu setzen und auch für sich selbst eine verantwortungsbewusste Entscheidung zu treffen.

„Wenn man sich jetzt nicht, also in unserer Generation nicht, die Frage stellt ‚Was müssen wir jetzt tun?‘, dann werden unsere Kinder irgendwann mal über uns sagen ‚Das war die Generation, die hat es gewusst, die hätte es ändern können, aber sie hat nichts gemacht‘.“ Rüdiger Fox bezogen auf den gedankenlosen Umgang mit der Natur

Das St. Bergweh Musikvideo des Tages
Wie immer endet dieser St. Bergweh Artikel mit einem passenden Musikvideo Und zugegebener Maßen gäbe es in diesem Fall zahlreiche einige, die sehr gut passen würden. Ich habe mich aber für das Lied „Europe Is Lost“ von Kate Tempest entschieden, denn sowohl der Song als auch das Video sind der Hammer. Das Video stammt übrigens von dem Münchner Regisseur Manuel Braun, dem das Lied einfach gefiel und der aus Spaß ein Fanvideo geschnitten hat, das wiederum Kate und ihrem Management so gut gefiel, dass sie es ihm abgekauft und zum offiziellen Video zu dem Song gemacht haben. Schöne Story, wie ich finde.

Disclaimer: Die Einladung zum Sympatex Hackathon erfolgte durch das Outdoor Blogger Network (OBN). Neben den Reisekosten wurde durch das OBN eine Aufwandsentschädigung für die zweitägige Reise gezahlt, um auf St. Bergweh über die zweitägige Veranstaltung berichten zu können. St. Bergweh war zu keiner Zeit dazu verpflichtet, eine vorgegebene Meinung zu veröffentlichen. Der Inhalt dieses Artikels spiegelt lediglich die Ansichten des Autors wider.

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